VICE

    Wie wir uns mit Fantheorien Serien wie 'Game of Thrones' kaputt machen

    Wie wir uns mit Fantheorien Serien wie 'Game of Thrones' kaputt machen


    Am Montagmorgen lief die letzte Folge von Game of Thrones, dem größten Serienphänomen unserer Zeit. Über Jahre hatten Fans in Reddit-Threads, Podcasts und aufwendig zusammengeschnittenen YouTube-Videos gerätselt, wer am Schluss auf dem Eisernen...

    Am Montagmorgen lief die letzte Folge von Game of Thrones, dem größten Serienphänomen unserer Zeit. Über Jahre hatten Fans in Reddit-Threads, Podcasts und aufwendig zusammengeschnittenen YouTube-Videos gerätselt, wer am Schluss auf dem Eisernen Thron sitzen könnte, was der Night King und seine White Walker wirklich wollen, wer sich als prophezeiter Lichtkrieger Azor Ahai herausstellen würde. Und natürlich, was zur Hölle eigentlich Bran "Three-Eyed Raven" Starks Aufgabe beim Kampf zwischen Gut, Böse und allem, was dazwischen liegt, sein soll.

    Vor dem Finale hoffte die internationale Fangemeinde auf ein Ende, dass der epischen Geschichte gerecht werden würde: Vielleicht würde sich die ein oder andere elaborierte Theorie um die wahre Verbindung zwischen dem Night King und Bran Stark doch noch als richtig erweisen. Vielleicht sind Figuren wie Tyrion Lannister nicht plötzlich "dumm" geworden, sondern haben sich als Teil eines raffinierten Plans nur dumm gestellt. Vielleicht, ganz vielleicht, würden die nicht nachzuvollziehenden Storylines doch noch Sinn ergeben.

    Stattdessen liefert auch "The Iron Throne" das, was die achte Staffel für mich und viele andere so frustrierend macht: Die Autoren David Benioff und D.B. Weiss hecheln von einem unausgegorenen Plot-Point zum nächsten. Die Twists sind vor allem deshalb überraschend, weil sie so unverdient wirken, und die jahrelang so liebevoll ausgearbeiteten Charaktere verhalten sich unschlüssig bis schlichtweg dämlich.

    Das war nicht die Geschichte, die sich viele Hardcore-Fans über Jahre hinweg auch zwischen den einzelnen Staffeln zusammengereimt hatten. Am Schluss blieb bei vielen nur das Gefühl, verraten worden zu sein.

    Dabei hätte das Finale von Game of Thrones wahrscheinlich selbst dann enttäuscht, wenn "The Iron Throne" eine gute Folge gewesen wäre. Wer sich wie ich jahrelang in Reddit-Diskussionen vertieft und jede Szene auf Hinweise zu möglichen Storytwists auseinandergenommen hatte, hatte sich die Serie bereits lange vor ihrem Ende kaputt geliebt.

    Auch auf VICE: 10 Fragen an Elyas M'Barek

    Wie Fans während der letzten acht Jahre Theorien entwickelt und umgeworfen, Character-Arcs zu Ende gedacht und Prophezeiungen aus den Büchern mit Geschehnissen in der Serie abgeglichen haben, hatte in den langen Wartezeiten zwischen den letzten Staffeln (von den Büchern wollen wir gar nicht erst anfangen) fast etwas Therapeutisches. Weil es keinen neuen Stoff gibt, schafft man ihn sich selbst. Fantheorien sind ein Grund, um mit anderen über etwas zu diskutieren, was man liebt. Sie lassen einen Details sehen, die man übersehen oder schon wieder vergessen hat. Und manchmal erlauben sie einem auch eine komplett neue Perspektive.

    Fantheorien sind ein Grund, um mit anderen über etwas zu diskutieren, was man liebt.

    Fans werden durch ihre intensive Auseinandersetzung mit einer Serie wie Game of Thrones zu Experten in ihrem Gebiet. Sie versuchen vorauszusehen, was als nächstes passiert. Sie versuchen sich in ihre Lieblingsfiguren hineinzudenken, ihrem fiktiven Handeln in einer Fantasy-Welt eine höhere Bedeutung zuzuschreiben. Und mit diesen Erwartungen im Kopf sitzen sie vor dem Fernseher. Sind sich absolut sicher, dass sie verstehen, was als nächstes passieren sollte. Und dann kommt es doch anders. "Wenn ihr einfach nicht auf Reddit gehen würdet, wenn ihr aufhören würdet, diese beschissenen Theorien zu lesen und euch dann darüber aufzuregen, dass sie nicht eintreten, wärt ihr alle viel glücklicher", schreibt ein frustrierter Fan im GOT-Subreddit. Damit hat er wahrscheinlich Recht.

    Die Sache mit Fantheorien ist nämlich die: Sie sind in der Regel immer tiefschürfender, kryptischer, dreimal mehr um die Ecke gedacht als das, was am Schluss in einer Serie stattfinden kann. Gerade, wenn sich viele Theorien auf Informationen und Storylines aus der Buchvorlage stützen, die in der Serienadaption so nicht vorkamen. Kein Autor, keine Autorin kann tiefer im Thema sein als tausende Supernerds, die ihr Leben der Frage gewidmet haben, wie ein fünf Jahre alter Subplot zufriedenstellend aufgelöst werden könnte.

    Fantheorien sind in der Regel immer tiefschürfender, kryptischer, dreimal mehr um die Ecke gedacht als das, was am Schluss in einer Serie stattfinden kann.

    Das Gefährlichste an komplexen Fantheorien ist, dass sie die Erwartungen an die Geschichte in unerreichbare Höhen schrauben und die Serie einen nur noch enttäuschen kann. Diese Komplexität kann sie schon aus praktischen Gründen nicht erreichen. Schließlich soll Game of Thrones auch für die Menschen noch verständlich sein, die nicht alle Bücher gelesen haben.

    Statistisch lässt sich nicht belegen, ob vor allem die Menschen vom Ende von Game of Thrones enttäuscht sind, für die es jahrelang dazugehört hat, nach jeder Folge auf Reddit nachzulesen, wie es jetzt weitergehen könnte.

    So oder so geht mit der Serie eine Ära zu Ende. Am Schluss bleibt nur der Blick zurück. Und die Frage, ob wir nicht auch ein bisschen selbst daran Schuld sind, wie niedergeschlagen wir uns gerade fühlen.

    Folge Lisa auf Twitter und VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

    Seltsamer 'Tagesschau'-Bericht: Beherrscht die AfD das halbe Internet?

    Seltsamer 'Tagesschau'-Bericht: Beherrscht die AfD das halbe Internet?


    Wer das Internet nicht nur für die aktuelle Wettervorhersage nutzt, hat es sicher schon mitbekommen: In sozialen Medien sind eine Menge AfD-Fans unterwegs. Aber wie dominant ist die AfD im Netz wirklich? Die 20 Uhr-Ausgabe der Tagesschau hat hierzu am...

    Wer das Internet nicht nur für die aktuelle Wettervorhersage nutzt, hat es sicher schon mitbekommen: In sozialen Medien sind eine Menge AfD-Fans unterwegs. Aber wie dominant ist die AfD im Netz wirklich? Die 20 Uhr-Ausgabe der Tagesschau hat hierzu am 8. Mai eine Zahl geliefert:

    "Bei den politischen Posts hatten allein zwischen Dezember und März 47,1 Prozent einen AfD-Bezug", heißt es in dem Fernsehbeitrag über "Einfluss im Netz auf öffentliche Debatten", während ein passendes Kuchendiagramm zu sehen ist.

    "Fast zehn Millionen Beiträge" sollen dafür untersucht worden sein, es gehe um Twitter, Facebook, YouTube und Instagram. Wer das Diagramm nur ein paar Sekunden betrachtet, könnte meinen: Heftig, die AfD beherrscht mit diesen 47,1 Prozent ja fast das halbe Internet!

    47,1 Prozent der politischen Beiträge in sozialen Medien sollen einen AfD-Bezug haben – das wirft Fragen auf | Bild: Screenshot aus dem Video "tagesschau 20:00 Uhr, 08.05.2019" vom YouTube-Kanal tagesschau

    Tut sie aber nicht. Der Tagesschau-Bericht basiert auf einer Datenauswertung der Firma Alto Data Analytics, die auch ähnliche Auswertungen für politische Debatten in Italien, Frankreich, Polen und Spanien angefertigt hat. Die vollständige Auswertung ist nicht öffentlich, NDR und Alto Data Analytics möchten auf Anfrage keinen vollen Einblick in die Daten gewähren. VICE hat mit dem Analysten-Team gesprochen und sich die Hintergründe erklären lassen. Das Ergebnis: Die Schlussfolgerungen der Tagesschau sind stark vereinfacht und zeichnen ein irreführendes Bild.

    Erstes Problem: Twitter ist nicht Social Media

    Woher kommt dieses alarmierende Ergebnis, dass knapp die Hälfte der politischen Beiträge in sozialen Medien einen AfD-Bezug haben soll? Ihm liegt ein gigantischer Datensatz zugrunde, wie die Tagesschau berichtet, fast zehn Millionen Beiträge. Aber ein Datensatz wird nicht automatisch aussagekräftig, nur weil er besonders groß ist.

    Woher die Daten kommen, geht weder aus dem Begleitartikel auf tagesschau.de noch aus einem Blogbeitrag von Alto Data Analytics eindeutig hervor. Auf tagesschau.de heißt es: "Etwa 80 Prozent der [untersuchten] Beiträge wurden auf der Social-Media-Plattform Twitter veröffentlicht." Die übrigen würden von Facebook, YouTube und Instagram stammen. Aber durch Gespräche mit dem Team der Analysefirma konnte VICE klarstellen: Das Tagesschau-Diagramm basiert zu 100 Prozent auf Daten von Twitter. Die von der Analysefirma erhobenen Daten aus anderen sozialen Medien sind nicht in dieses Diagramm mit eingeflossen. Trotzdem ist im Schriftzug über dem Kuchendigramm allgemein von "soziale[n] Medien" die Rede – das ist falsch.

    Der Tagesschau-Bericht steht damit auf einer fragwürdigen Grundlage. Denn nur läppische vier Prozent der Deutschen ab 14 Jahren nutzen Twitter wöchentlich, wie aus der ARD/ ZDF-Onlinestudie von 2018 hervorgeht. Die breite Öffentlichkeit ist das eindeutig nicht. Mit dieser Nutzerbasis ist Twitter gerade mal so populär wie das Karrierenetzwerk Xing. Viel wichtiger: Facebook, das knapp ein Drittel der Deutschen wöchentlich nutzt (31 Prozent), Instagram (15 Prozent) und Snapchat (neun Prozent).

    Deutschsprachige Twitter-Nutzer, aufgeteilt in Gruppen | Bild: Screenshot aus dem Video "Social Bots, Fake News und Filterblasen" von media.ccc.de

    Auch das öffentliche Meinungsbild lässt sich durch eine von Twitter geprägte Auswertung nicht seriös ableiten. Schon im Jahr 2013 kamen die Forschenden vom Pew Research Center zu dem Schluss: "Twitter-Nutzer repräsentieren nicht die Öffentlichkeit"; damals ging es um Nutzende in den USA. In Deutschland sieht es nicht anders aus, wie Mediennutzungsforscher Sascha Hölig im Jahr 2018 für das Hans-Bredow-Institut untersucht hat. Sein Fazit: Twitter ist "als Stimmungsbarometer ungeeignet".

    Die Datenanalysten von Alto Data Analytics bezeichnen Twitter im Gespräch mit VICE als stellvertretend ("proxy") für die öffentliche Online-Debatte. Auf Anfrage erklärt ein zuständiger Pressesprecher des NDR: "Die Methode der Untersuchung hätte deutlicher erklärt werden können. Durch die Kürze eines Nachrichtenbeitrags sind solchen Erläuterungen aber Grenzen gesetzt."

    Bleibt also die Erkenntnis: "Bei den untersuchten politischen Posts auf Twitter hatten zwischen Dezember und März 47,1 Prozent einen AfD-Bezug". Das klingt schon mal deutlich weniger spektakulär – und ist immer noch nicht ganz korrekt.

    Zweites Problem: AfD-Bezug heißt nicht, dass alle die AfD gut finden

    Der Teufel steckt oft im Detail, und im Fall der AfD-Studie ist es das Wörtchen "Bezug". Die Definition des Wortes "Bezug" ist in der Analyse von Alto Analytics nämlich sehr breit. "AfD-Bezug" heißt in diesem Zusammenhang nämlich nicht automatisch, dass Menschen die AfD ausdrücklich befürworten. Ein "AfD-Bezug" liegt in der Analyse auch vor, wenn sich Menschen gegen die AfD aussprechen – oder bestimmte Stichwörter häufig im Zusammenhang mit der AfD nutzen, zum Beispiel "Sachsen" oder "Bundestag".

    Der Grund dafür liegt im Forschungsdesign, wie das Team im Gespräch mit VICE erklärt. Um die politische Debatte zu untersuchen, haben die Forschenden unter anderem eine immense Anzahl an Tweets, Retweets und Twitter-Threads auf politische Stichwörter und Hashtags hin untersucht. Das Ergebnis ist eine Wortwolke, in der die 208 am häufigsten verwendeten Wörter besonders groß dargestellt sind.

    Als nächstes haben die Forschenden die Wörter zueinander in Beziehung gesetzt: Wenn zwei Wörter häufig gemeinsam auftauchen, zum Beispiel "AfD" und "Migration", dann rücken sie in der Wortwolke enger zusammen. Dabei entstehen miteinander vernetzte Klumpen aus Wörtern. Dieses Verfahren heißt Keyword Network Analysis.

    Die Wortwolke von Alto Data Analytics: Lila eingefärbt ist der Klumpen von Wörtern rund um die AfD. Je größer ein Wort, desto häufiger wurde es verwendet. Der Untersuchungszeitraum war Dezember 2018 bis März 2019 | Bild: Alto Data Analytics

    Ein besonders großer Klumpen entstand dabei um das häufig verwendete Stichwort "AfD". Eng damit verknüpft waren Wörter wie "nazisraus" und "noafd", aber auch "Bundestag", "Islam", "Sachsen", "Brexit". Die Forschenden können damit belegen: Die AfD schafft es auf Twitter, bei vielen populären Themen im Gespräch zu sein. Nutzer sprechen also, wenn sie über zum Beispiel den Bundestag oder Sachsen sprechen, häufig auch über die AfD.

    Rechte Nutzer dominieren den Diskurs? Korrekt müsste es heißen: "Rechte Nutzer und ihre Gegner".

    Im Online-Beitrag auf tagesschau.de zu der Analyse heißt es: "Rechte Nutzer dominieren den Diskurs." Aber auch das Gegenteil könnte stimmen. Die Wortwolke zeigt nämlich, dass viele Nutzer offenbar mit klar ablehnender Haltung über die AfD schreiben, das zeigen Worte wie "noafd", "nazisraus" und "Antisemitismus". Demnach müsste es korrekt heißen: Rechte Nutzer und ihre Gegner dominieren den Diskurs.

    Drittes Problem: Man kann Debatten nicht zählen

    Es fehlt noch ein Puzzleteil, um den mathematischen Clusterfuck perfekt zu machen. Der nun schon oft erwähnte Anteil von 47,1 Prozent bezieht sich nämlich nicht auf einzelne Tweets, sondern auf die häufig verwendeten Wörter innerhalb der Tweets. Und knapp die Hälfte dieser Wörter wird oft im Zusammenhang mit dem Wort AfD benutzt.

    Ebenfalls auf VICE: Die Mathematik eines Massenaufstands

    Entsprechend ist es ein Fehlschluss zu sagen: "Bei den politischen Posts hatten (...) allein 47,1 Prozent einen AfD-Bezug", wie es in der Tagesschau heißt. Tatsächlich lässt sich auf Grundlage der Datenanalyse nicht ableiten, wie viel Prozent der Posts einen AfD-Bezug haben. Der korrekte Satz müsste also lauten:

    "47,1 Prozent der häufigsten Wörter in politischen Debatten auf Twitter fallen oft in Verbindung mit dem Begriff 'AfD'."

    Nur – das ist leider keine besonders interessante Aussage.

    Viertes Problem: Auch die Gegenprobe basiert auf Twitter

    Im Gespräch mit VICE weisen die Datenanalysten von Alto Data Analytics darauf hin, dass sie ihre Ergebnisse mithilfe einer Gegenprobe überprüft haben. Damit wollten sie sicherstellen, dass die Erkenntnisse auch außerhalb von Twitter aussagekräftig sind, heißt es weiter.

    Für die Gegenprobe haben die Analysten auch andere Online-Quellen auf die via Twitter ermittelten politischen Schlüsselwörter hin untersucht. Um welche Quellen es sich dabei genau handelt, lässt sich im öffentlichen Blogbeitrag nachlesen. Neben Nachrichtenseiten wie spiegel.de und welt.de waren es auch rechtspopulistische Seiten wie Epoch Times und soziale Medien wie YouTube. Artikel von VICE flossen ebenso in die Analyse ein.

    Das Ergebnis: In knapp der Hälfte (48,7 Prozent) der untersuchten Beiträge komme mindestens eines der 208 Schlüsselwörter vor, wie Alto Data Analytics mitteilt. Das soll bestätigen, dass sich mit diesen Wörtern tatsächlich die politische Debatte in Deutschland abbilden lässt. Das Problem: Auch diese Gegenprobe hat einen Twitter-Bias. Denn eine externe Quelle galt dann für die Gegenprobe als relevant, wenn sie zuvor auf sozialen Medien verlinkt wurde, wie Alto Data Analytics gegenüber VICE bestätigt. Und natürlich wurde auch hierfür vorrangig Twitter untersucht.

    Das bedeutet, Alto Data Analytics hat vorrangig Twitter zum Zentrum des deutschsprachigen Internets erklärt und sich von dort aus die anderen Quellen erschlossen. Die Analyse kann demnach nicht aussagekräftig abbilden, wie Politik beispielsweise in den Kommentarspalten von YouTube-Videos, Facebook- und Instagram-Posts diskutiert wird.

    Na toll: Was sagt das jetzt über die AfD im Netz?

    Wissenschaft ist oft kleinteilig. Journalistinnen und Journalisten müssen wissenschaftliche Ergebnisse vereinfachen und zuspitzen, damit Leute sie auch ohne stundenlange Recherche verstehen. Aber was Alto Data Analytics herausgefunden hat, ist einfach zu speziell, um es im Stil der Tagesschau zu vereinfachen. Das Kuchendiagramm der Tagesschau erweckt den Anschein, als würde in sozialen Medien jede zweite politische Äußerung über die AfD getätigt werden – eine zu stark vereinfachte Nachricht, über die sich vor allem die AfD freuen dürfte.

    Dahinter steht ein größeres Problem. Irreführende Informationen, vor allem im Netz, sind eines der erfolgreichsten Werkzeuge von Rechten und Rechtspopulisten. Keine deutsche Partei kämpft so verbissen um Meinungsführerschaft im Netz wie die AfD. Korrekte Einordnung ist das wichtigste, was Journalistinnen dem entgegensetzen können, vor allem in der wichtigsten Nachrichtensendung Deutschlands. Aber genau das hat im Fall dieses Tagesschau-Berichts nicht so ganz funktioniert.

    Die Tendenz, die sich aus der Datenanalyse ablesen lässt, ist trotzdem interessant. Die dominante AfD-Wortwolke zeigt, wie sich Twitter-Debatten in Deutschland vorwiegend an rechten bis rechtspopulistischen Themen abarbeiten. Das Besondere: Die Forscher konnten außerdem feststellen, dass ein kleiner Teil der Nutzer überdurchschnittlich aktiv ist. Sie identifizierten eine Minderheit von rund 11 Prozent als AfD-Unterstützer, die aber für rund 46 Prozent der Interaktionen verantwortlich sind, heißt es im Blogbeitrag von Alto Data Analytics. Deutlich größer sei demnach die linke Community, rund 37 Prozent der Nutzer, die immerhin etwa 34 Prozent der Interaktionen ausmachen.

    Eine Minderheit von rund 11 Prozent sind AfD-Unterstützer, die aber sind für rund 46 Prozent der Interaktionen verantwortlich.

    Das passt zu anderen Forschungsergebnissen, wonach eine rechts bis rechtsextrem motivierte Minderheit im Internet fleißig daran arbeitet, für andere wie eine Mehrheit zu erscheinen. Einen realen Einfluss auf die öffentliche Debatte erlangt diese Minderheit, sobald größere Medien wie etwa die Tagesschau diese Themen aufgreifen und in den Mittelpunkt rücken. Für Politikerinnen und Journalisten bedeutet das vor allem eines: Zahlen aus sozialen Medien sind oft nur ein Teil der Wahrheit.

    Folge Sebastian auf Twitter und VICE auf Facebook , Instagram und Snapchat

    Die Polizei hat einen Großeinsatz beim Fusion-Festival vorbereitet

    Die Polizei hat einen Großeinsatz beim Fusion-Festival vorbereitet


    Ein beliebter Quatsch-Vorwurf, den Spießer gerne an Ravende richten, geht so: "Ihr habt doch den Bezug zur Realität verloren!" Dabei könnte man das viel eher Teilen der Polizei Neubrandenburg vorwerfen. Besonders nachdem jetzt öffentlich geworden...

    Ein beliebter Quatsch-Vorwurf, den Spießer gerne an Ravende richten, geht so: "Ihr habt doch den Bezug zur Realität verloren!" Dabei könnte man das viel eher Teilen der Polizei Neubrandenburg vorwerfen. Besonders nachdem jetzt öffentlich geworden ist, was sie zum Fusion-Festival vorhat. Laut einem Bericht von Zeit Online soll der Polizeieinsatz während des Festivals viel umfangreicher ausfallen als bislang bekannt war.

    In den letzten Wochen diskutierte der Veranstalter vor allem aus einem Grund mit der Polizei: Der Polizeipräsident von Neubrandenburg, Nils Hoffmann-Ritterbusch, hatte gefordert, dass die Fusion erstmals eine Polizeiwache auf dem Gelände zulassen müsse. Sonst werde er die Veranstaltung nicht genehmigen. Die Forderung erschien bizarr. Das Festival und seine zuletzt 70.000 Besucherinnen und Besucher fallen seit 20 Jahren vor allem durch ausgesprochene Friedlichkeit auf. Grölende Aggro-Säufer suchte man hier vergebens. Was Zeit Online jetzt veröffentlicht hat, klingt aber danach, dass sich die Polizei bislang für den 26. bis 30. Juni an der Mecklenburgischen Seenplatte auf Chaostage statt auf feiernde Techno-Hippies vorbereitet hat. Man könnte auch argumentieren, sie suche bewusst die Eskalation:

    100 Beamte sollen rund um die Uhr auf dem Gelände patrouillieren; sie sollen in Uniform, aber auch zivil Aufklärungsmaßnahmen durchführen. Eine Beweis- und Festnahmeeinheit, Mitglieder einer Einsatzhundertschaft, Räumpanzer und Wasserwerfer sollen in der Nähe bereitstehen. Insgesamt ist die Rede von 1.000 Beamten.

    Auch bei VICE: 12 Stunden auf dem größten heidnischen Festival der Welt

    Ob dieser Plan tatsächlich umgesetzt wird, ließ eine Sprecherin der Polizei Neubrandenburg gegenüber Zeit Online offen. Was genau man anwenden werde, entscheide man im Rahmen der Zusammenarbeit mit den Fusion-Veranstaltern vom Kulturkosmos Müritz e.V. oder während des Einsatzes.

    Ursprünglich hatte die Polizei am Sicherheitskonzept kritisiert, dass zu wenig Rettungswege vorhanden seien. Die Veranstalter haben das mittlerweile überarbeitet und den Kompromiss vorgeschlagen, in Festivalnähe eine Polizeiwache einzurichten. Mit der Kritik am Sicherheitskonzept hat der geplante Großeinsatz der Polizei aber offenbar eh nichts zu tun. Laut Zeit Online habe die Polizei bereits Einsatzkräfte und Technik angefordert, bevor der Veranstalter im Februar sein Sicherheitskonzept vorlegen konnte.

    In das Vorhaben, die Fusion in eine Hochsicherheitszone zu verwandeln, passt auch eine Bachelorarbeit, die Hoffmann-Ritterbuschs Polizeipräsidium laut dem Prüfungsamt der Polizeifachhochschule in Güstrow angeregt haben soll. Die Bachelorarbeit über das Sicherheitskonzept der Fusion wurde im April 2019 fertiggestellt. Eine Sprecherin der Polizei Neubrandenburg sagte jedoch, dass der Inhalt der Arbeit dem Polizeipräsidium nicht bekannt gewesen sei. Die wissenschaftliche Arbeit kritisiert laut Zeit Online das Sicherheitskonzept der Veranstalter und schlussfolgert, dass es vorteilhaft sein könne, Polizisten auf dem Gelände zu positionieren. Konkrete Argumente dafür, was diese ständige Präsenz bringen soll, habe die Untersuchung jedoch nicht geliefert. Dennoch könnte die Arbeit bereits Schaden angerichtet haben.

    Die Behörden hatten für die Bachelorarbeit das Sicherheitskonzept des Festivals-Veranstalters weitergereicht, ohne die Namen und Telefonnummern von Fusion-Mitarbeitenden zu schwärzen. Durch diesen möglichen Datenschutzverstoß gerieten die Informationen an Ulf-Theodor Claassen. Der Dozent für Einsatzlehre und Betreuer der Bachelorarbeit ist ein ehemaliger AfD-Politiker und verurteilter Gewaltstraftäter. Claassen hatte 2014 Jugendliche an einem AfD-Infostand mit Reizgas attackiert. Dafür wurde er wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen verurteilt.

    In den nächsten Tagen soll sich entscheiden, ob die Fusion dieses Jahr stattfinden darf oder nicht. Es bleibt zu hoffen, dass die Ordnungsbehörde, die das Festival genehmigt, sich dann an Fakten orientiert und nicht an möglicherweise politisch motivierten Versuchen einen linken Freiraum für Kultur zu zerstören.

    Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

    Darum sind deine AirPods ein Fluch für die Menschheit

    Darum sind deine AirPods ein Fluch für die Menschheit


    Eigentlich sind AirPods ein Produkt der Vergangenheit. Die berüchtigten Apple-Kopfhörer bestehen aus Plastik und enthalten Wolfram, Zinn, Tantal, Lithium und Kobalt. Diese Materialien werden aus Vietnam, Südafrika, Kasachstan, Peru, Mexiko, Indonesien...

    Eigentlich sind AirPods ein Produkt der Vergangenheit. Die berüchtigten Apple-Kopfhörer bestehen aus Plastik und enthalten Wolfram, Zinn, Tantal, Lithium und Kobalt. Diese Materialien werden aus Vietnam, Südafrika, Kasachstan, Peru, Mexiko, Indonesien oder Indien nach China gebracht. Dort setzen extrem unterbezahlte Arbeiter und Arbeiterinnen die Kopfhörer zusammen. Das Endprodukt: Sensoren, Mikrofone, kleine Gitter und eine Antenne, verbaut in einer Hülle, die aussieht, wie eine abgeschnittene Zahnbürste. Und verkauft für satte 179 Euro.

    18 Monate lang kannst du mit deinen AirPods Musik hören oder telefonieren. Danach wird der Lithium-Ionen-Akku langsam seinen Geist aufgeben. Reparieren lassen sich die Kopfhörer nicht. Die Bauteile sind zusammengeklebt und nur schwer zu öffnen. Wegschmeißen solltest du sie allerdings auch nicht, der Akku könnte sich in der Müllpresse entzünden. Recyceln geht nicht, denn es gibt keine sichere Methode, den Lithium-Ionen-Akku von der Plastikhülle zu trennen. So werden die AirPods am Ende in irgendeiner deiner Schubladen vor sich hingammeln .

    Kyle Wiens, der Geschäftsführer des Elektronik- und Reparaturportals iFixit, bezeichnet AirPods als "böse". Laut dem Review auf rtings.com liegen die Kopfhörer in Sachen Klangqualität unter dem Durchschnitt.

    Screenshot: Twitter

    Dazu kommt: Deine AirPods bleiben der Erde mindestens ein Jahrtausend lang erhalten. Vielleicht finden Archäologen der Zukunft irgendwo ein altes Paar AirPods in verlassenen Häusern. Vielleicht ergründen sie, warum damals Technologie hergestellt und gekauft wurde, die nur 18 Monate lang hält und doch nie verschwindet.

    Aber wir können ja schon jetzt einmal darüber nachdenken.

    Schlechter Sound, gute Memes

    Obwohl AirPods gar nicht das teuerste Wireless-Kopfhörermodell auf dem Markt sind, haben sie es in den sozialen Medien zu einem Meme geschafft – ein Meme, in dem AirPod-Träger automatisch zur reichen Elite der Gesellschaft gehören.

    Die Kopfhörer sind so klein, dass sie zeigen: Du kannst sie dir leisten und dir auch leisten, sie zu verlieren. Oder sie versehentlich in der Waschmaschine mitzuwaschen.

    Auf der Social-Media-Plattform TikTok hat sich dieser Gedanke in ein Meme verwandelt, bei dem die User so tun, als würden sie ihre AirPods im Klo runterspülen. Andere vergleichen den doch ziemlich auffälligen Look mit dem Kopf einer elektrischen Zahnbürste.

    Der weiße Kunststoff ist eigentlich blutverschmiert

    Der Wegwerf-Charakter der AirPods unterstreicht, dass sie auch von "Einweg-Arbeitern" hergestellt werden; diese sind von der Laune des Markts abhängig: Wenn die Nachfrage nach einem Produkt oder einer Dienstleistung da ist, haben sie Arbeit. Wenn nicht, dann nicht. Das schließt Leiharbeiter, Teilzeitangestellte und unterbezahlte Arbeiter mit ein, die als "austauschbarer Teil des Herstellungsprozesses" angesehen werden. So schreiben es die sozialistischen Autoren Fred und Harry Magdoff in der amerikanischen Zeitschrift Monthly Review.

    Auch bei VICE: Totalüberwachung für 150 Euro

    Eigentlich ist fast jedes elektronische Gerät das Ergebnis von Schwerstarbeit in Minen, Raffinerien und Fertigungshallen – mit einem menschlichen Preis. Ein Beispiel dafür ist Foxconn, das chinesische Unternehmen, das laut Business Insider rund die Hälfte aller iPhones und weitere Apple-Produkte zusammenbaut (für AirPods sind Luxshare und Investec zuständig). Foxconn betreibt eine Fabrikstadt in Zhengzhou, die manche auch als "iPhone City" bezeichnen. Laut Business Insider arbeiten dort um die 350.000 Menschen. Die Löhne beginnen bei 300 Dollar pro Monat. Apple bezog zudem jahrelang Kobalt und Tantal für die Lithium-Ionen-Akkus und den Leiterschutz aus der Demokratischen Republik Kongo. Erst nachdem über die dortige Kinderarbeit sowie über Arbeitsunfälle und Todesfälle unter den Arbeitern berichtet wurde, hörte Apple auf, die Metalle aus den dortigen Minen aufzukaufen.

    Auf der schneeweißen Verpackung sind der ganze Dreck, das Blut, die Tränen und die Schmerzen der ausgebeuteten Arbeiterschaft natürlich nicht zu sehen.

    Apple und das einkalkulierte Versagen

    Laut Apple sind AirPods Teil einer größeren Vision einer "kabellosen Zukunft". Kabel und Kabelgewirr seien nur eine Last. Und AirPods dementsprechend eine regelrechte Befreiung.

    Natürlich können Kabel nerven. Aber Apples "Befreiung" ist trotzdem eine Farce: Die AirPods wurden 2016 zusammen mit dem iPhone 7 und iPhone 7 Plus eingeführt – die ersten iPhone-Modelle ohne Kopfhöreranschluss. Sie sollen sich nahtlos vom iPhone zum MacBook oder zur Apple Watch verbinden, je nachdem, welches Gerät man gerade benutzt. Aber eigentlich sind sie nur deshalb so "praktisch", weil Apple den Kopfhöreranschluss gestrichen und die neuen iPhones damit weniger benutzerfreundlich gemacht hat.

    Durch diesen Schritt werden Apple-Benutzer und -Benutzerinnen quasi dazu gezwungen, weitere kompatible – also firmeneigene – Produkte zu kaufen, die nach ein paar Jahren nicht mehr funktionstüchtig sein werden. "Ich würde hier von einer kalkulierten Veralterung des Produkts sprechen, aber eigentlich ist das Ganze eher ein kalkuliertes Versagen", sagt Kyle Wiens, der Geschäftsführer von iFixit. "Apple wusste von Anfang an, dass sich die Kopfhörer nach 18 Monaten nicht mehr aufladen lassen. Aber so was steht natürlich nicht auf der Verpackung."

    Luxus, der eigentlich keiner ist

    Eine technische Glanzleistung stecke in diesen kleinen AirPods, sagte Philip Schiller, Apples Marketing-Vizepräsident, bei der ersten Vorstellung der Kopfhörer. Er erzählte vom Chip, von Dual-Beschleunigungsmessern, von optischen Sensoren, von strahlenbündelnden Mikrofonen, von Antennen.

    Die grundlegende Technologie, auf der AirPods beruhen, ist jedoch Bluetooth. Also Funkwellen, die Daten von Gerät zu Gerät übertragen. Jim Kardach, ein Intel-Mitarbeiter im Ruhestand, hat Bluetooth damals diesen Namen gegeben. Laut ihm sollte das Ganze die kabellose Übertragungstechnologie für breite Bevölkerung sein, weil sie nicht viel kostet. Dennoch verkaufen verschiedene Unternehmen Bluetooth so, als sei die inzwischen 20 Jahre alte Technologie unglaublich teuer. Auch Apple ist da keine Ausnahme.

    Ein umweltschädliches Fossil des Kapitalismus

    Einweg-Plastikprodukte – Wasserflaschen, Kaffeebecher, Verpackungen – sind billig für Firmen und praktisch für die Konsumenten. Und sie enden größtenteils als Plastikmüll in den Ozeanen. Manche Wissenschaftler nennen unser Zeitalter deshalb schon das Plastozän. Elektro-Geräte sind nicht anders. Firmen wie Apple haben kein Interesse daran, ihre Produkte reparierbar zu machen. Dann würden die Verkäufe einbrechen. Also machen sie seit Jahren Stimmung gegen Recht-auf-Reparatur-Initiativen. Apple hat sich deshalb sogar mit Amazon zusammengetan, um alle Anbieter von iPhone- und Macbook-Reparaturen von Amazons Plattform zu werfen.

    Unser ganzes Wirtschaftssystem lebt davon, dass Dinge nicht lange halten. Für Firmen sind Produkte, die sterben, profitabler als Produkte, die halten.

    AirPods sind nichts weiter als die umweltschädliche Verkörperung eines weltweiten Wirtschaftssystems, das es einigen Leuten ermöglicht, Kopfhörer für 179 Euro zu kaufen und sie zu verlieren. Andere Leute stellen unter Lebensgefahr diese Kopfhörer her. AirPods sind die zukünftigen Fossilien des Kapitalismus.

    Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

    Video: Dieser YouTuber zerstört gerade die CDU

    Video: Dieser YouTuber zerstört gerade die CDU


    "Ich zeige, wie die CDU aktuell unser Leben und unsere Zukunft zerstört" – damit fängt der YouTuber Rezo an, Deutschlands mächtigste Partei zu zerlegen und dann hört er knapp eine Stunde lang nicht mehr auf. Das Ergebnis ist eine der brutalsten...

    "Ich zeige, wie die CDU aktuell unser Leben und unsere Zukunft zerstört" – damit fängt der YouTuber Rezo an, Deutschlands mächtigste Partei zu zerlegen und dann hört er knapp eine Stunde lang nicht mehr auf. Das Ergebnis ist eine der brutalsten Breitseiten, die eine deutsche Partei seit Langem abbekommen hat – von einem jungen Typen mit blauen Haaren, der vor ein paar Gitarren an seinem Rechner sitzt.

    Schon am Montagmittag haben fast 1,4 Millionen Menschen das Video gesehen, obwohl es erst am Samstag hochgeladen wurde. Der Grund: Rezo hat da nicht nur enorm viel Leidenschaft, sondern auch richtig viele Fakten reingepackt – und die sprechen nicht für die CDU. Aber seht selbst:

    Die CDU hat also geschafft, wovon alle Politiker träumen: Plötzlich interessieren sich junge Menschen in ganz Deutschland brennend für sie. Aber leider vor allem, weil sie plötzlich merken, wie sehr sie die CDU hassen.

    Das hat die Partei sich selbst eingebrockt: Mit ihrer arroganten Art, die Urheberrechtsreform in der EU durchzuboxen, obwohl der Großteil der Experten diese für eine Katastrophe hielt, hat die CDU in ein Wespennest gestochen – ein Wespennest, von dessen Existenz die Parteigrößen wahrscheinlich keine Ahnung hatten: die deutsche YouTube-Szene.

    Was passieren kann, wenn man Millenials mit Millionenreichweite so richtig sauer macht, hat Rezo jetzt gezeigt. Es gibt sogar schon eine Petition, das Video auf ARD und ZDF auszustrahlen.

    Und nicht vergessen: Am Sonntag ist Europawahl!

    Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

    Österreich beweist, dass es wirklich eine dumme Idee ist, sich mit Rechtsextremen einzulassen

    Österreich beweist, dass es wirklich eine dumme Idee ist, sich mit Rechtsextremen einzulassen


    Es ist schwer zu verarbeiten, was in den letzten Tagen in Österreich passiert ist. So eine politische Erschütterung hat die Zweite Republik, die mit Haider und der FPÖ oder dem Fall Strasser politische Erschütterungen durchaus gewohnt ist, selten...

    Es ist schwer zu verarbeiten, was in den letzten Tagen in Österreich passiert ist. So eine politische Erschütterung hat die Zweite Republik, die mit Haider und der FPÖ oder dem Fall Strasser politische Erschütterungen durchaus gewohnt ist, selten erlebt. Aber der Fall geht weit über Österreich hinaus. Was hier passiert ist, ist für ganz Europa eine wichtige Lektion: Wer sich mit Rechtspopulisten einlässt, riskiert dabei, seine eigene Seele zu verlieren. Das wichtigste Beispiel: die erbärmliche Reaktion des österreichischen Kanzlers, Sebastian Kurz.

    Die Krise, kurz zusammengefasst: Am Freitag veröffentlichten der Spiegel und Süddeutsche Zeitung in Kooperation mit der österreichischen Wochenzeitung Falter Ausschnitte eines Videos, das Vizekanzler Heinz-Christian Strache von der FPÖ (zum Zeitpunkt der Aufnahme noch Oppositionsführer) und seinen engsten Vertrauten Johann Gudenus beim feuchtfröhlichen Umtrunk mit einer vermeintlichen russischen Oligarchin zeigt. Dabei werden munter die Vergabe von Staatsverträgen, die Übernahme der größten Zeitung des Landes sowie die Privatisierung des Wassers besprochen, wenn die FPÖ in Regierungsverantwortung kommt. Als Gegenleistung winken Parteispenden, die am Rechnungshof vorbeigehen – und geheim bleiben.

    Keine Überraschung: Rechtspopulisten haben Korruption in ihrer DNA

    Diese Bilder sind politisch und moralisch indiskutabel und mitunter wohl strafrechtlich relevant. Gleichzeitig werden sie niemanden überraschen, der sich auch nur ein bisschen mit der FPÖ beschäftigt hat. Die Rechten präsentieren sich gerne als Sauberpartei, die Österreich und "den kleinen Mann" gegen die korrupten Eliten verteidigt. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass genau Strache, der dieses Bild bis zum Erbrechen bemüht hat, nun darüber stolpert, dass er österreichische Interessen nach Russland verkaufen will.

    Jetzt, wo er aufgeflogen ist, präsentiert sich Strache als Opfer einer finsteren Verschwörung. Er suggeriert, dass die SPÖ und ihr Wahlkampfberater von 2017, der Israeli Tal Silberstein, etwas mit der Sache zu tun haben könnten. Das ist ein altbekanntes Muster. Schuld sind die Anderen. Vor allem, wenn sie aus dem Ausland kommen. Der Name Silberstein ist längst in der Rhetorik der FPÖ (und der ÖVP) zur Chiffre für alles Schlechte geworden. Strache inszeniert sich bei seinem Rücktritt als einmalig charakterschwach, aber prinzipiell mit dem Herz am rechten Fleck. Gegen die ihm präsentierten Versuchungen habe er nicht ankämpfen können. Er, will Strache uns glauben machen, sei also auch ein wenig Opfer der Umstände.

    Auch auf VICE: Der Aufstand der Rechten

    Dabei ist die FPÖ immer wieder in Korruptionsskandale beziehungsweise zweifelhafte Finanzgeschäfte verwickelt. Korruption und bedenkliche finanzielle Geschäfte zum persönlichen Vorteil sind strukturelle Probleme solcher Parteien. Sie hängen an der hierarchischen und auf Führungspersonen zugespitzten Verfasstheit der Parteistruktur, in der demokratische Kontrolle und Widerspruch unerwünscht sind. Die FPÖ ist damit nicht die Ausnahme unter den rechtsextremen Parteien in Europa. Auch die AfD hat ihre Spendenaffäre und auch der (damalige) Front National (heute: Rassemblement National) kam in Erklärungsnot über dubiose Deals mit russischem Geld.

    Viel bedenklicher: Die Prinzipienlosigkeit von Kanzler Kurz

    ÖVP-Chef Kurz ließ lange auf sein Statement warten, um es dann am Samstagabend zur besten Sendezeit live der Nation vorzutragen. Spannend an seiner Inszenierung ist der weitestgehende Gleichschritt mit Strache. Auch er sieht sich als Opfer ausländischer Mächte. Auch er erwähnt den Namen Silberstein.

    Kurz geht aber noch weiter: Er inszeniert sich auch noch als Opfer der FPÖ. Er musste, erinnert uns der Kanzler mit traurigem Blick, die vielen rassistischen und rechtsextremen Ausfälle der FPÖ still im Sinne der Sachpolitik erdulden, um Österreich voranzubringen. Das wahre Opfer der menschenverachtenden Ideologie der FPÖ, so erfahren wir, sind nicht die betroffenen Menschen – sondern Sebastian Kurz selbst.

    Das sind Töne, die man so bis jetzt nicht gehört hat von Kurz. Vielmehr hat er sich im Wahlkampf und in der Regierung als weniger schmuddelige Variante der FPÖ präsentiert. Auch bei ihm war der Themenkomplex "Islam, Terror, Kopftuch, Flüchtlinge" stets ein zentraler Punkt. Jetzt auf einmal sollen wir ihm aber glauben, dass ihm diese Art der Politik stets zuwider war. Das zeigt: Kurz ist wendig, Kurz lässt sich nicht von Prinzipien ausbremsen. Das mag für seine politische Karriere gut sein – für die Republik ist es katastrophal.

    Das ist das Bemerkenswerte an dem Statement des Kanzlers: Er hat fast ausschließlich darüber geredet, was die Krise mit Kurz gemacht hat. Auf die wirklich bedenklichen Passagen des Videos – den Frontalangriff auf die freie Presse und die kritische Öffentlichkeit, die der von Alkohol, Geldgier und Größenwahn besoffene Strache da plant – geht Kurz dabei kaum ein. Er verliert kein Wort zur Stärkung der freien und unabhängigen Presse. Kurz geht es in seinem Statement ausschließlich darum, sich als Saubermann und Heilsbringer zu inszenieren, der von den vielen Verfehlungen der FPÖ nichts wissen konnte. Trotz zahlreicher Warnungen, auch von Parteifreunden und -freundinnen.

    Das Versuchslabor Österreich ist explodiert

    In der Staatskrise zeigt sich, wie ähnlich die beiden Parteien bzw. ihre Führungspersonen einander sind. Sie beide sind Opfer der Umstände und übernehmen nur widerwillig oder gar nicht persönliche Verantwortung. Die Angleichung einer bürgerlichen und einer rechtsextremen Partei sollte als Warnung für ganz Europa dienen. Denn wer funktionieren und wirken will wie eine rechtsextreme Partei, der muss auch die Konsequenzen dieser Inszenierung tragen.

    Das ist nicht nur eine Stilfrage, sondern auch eine der politischen Verfasstheit. Wenn es kein sachliches Agieren, auch im Sinne der Republik, mehr gibt, sondern alles Inszenierung ist, was bleibt dann vom demokratischen-politischen Feld noch übrig?

    Österreich ist das Versuchslabor für diese Art der rechtspopulistischen und rechtsextremen Politik. Das gilt auf Sachebene, wie zahlreiche Gesetze zur Bevorzugung Reicher und zu Ungunsten der weniger Vermögenden zeigen.

    Das gilt, wenn es um Skandale geht, wo Ibiza nur der Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

    Das gilt aber vor allem, wenn es um politische Inszenierung geht, wo FPÖ und ÖVP in den letzten zwei Jahren und jetzt im Auseinanderbrechen der Koalition einen Paarlauf hingelegt haben. Das ist noch ein deutlicher Unterschied zu anderen bürgerlichen Parteien in Europa, die die Distanz zu rechtsextremen Parteien suchen. Die Distanz bröckelt aber schon deutlich, wenn man etwa auf die CDU und den immer wiederkehrenden Ruf nach einer Koalition mit der AfD schaut – etwa nach den Landtagswahlen in Sachsen im Herbst. Getarnt wird das als "taktische Überlegung". Dahinter steckt aber auch immer der Wunsch, die linken und liberalen Kräften einmal so richtig in die Schranken zu weisen.

    Österreich ist ein warnendes Beispiel, wenn diesem Drang nachgegeben wird und bürgerliche Parteien sich Rechtsextremen annähern. Auf dem Spiel stehen hier jetzt nicht weniger als die Institutionen der Republik – und die Demokratie als solches.

    Natascha Strobl ist Politikwissenschaftlerin aus Wien mit dem Schwerpunkt Neue Rechte und Identitäre. Sie schreibt auf Twitter unter @Natascha_Strobl und #NatsAnalyse aktuelle Analysen zu rechtsextremer Rhetorik.

    Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

    Wir haben Menschen, die Hartz IV bekommen, gefragt, ob sie sich von RTL II verarscht fühlen

    Wir haben Menschen, die Hartz IV bekommen, gefragt, ob sie sich von RTL II verarscht fühlen


    Donnerstagvormittag. Berlin. Regen. Alle paar Minuten treten Menschen aus dem Jobcenter in Pfützen: Männer, Frauen, alt, jung, mit Kind, ohne Kind, mit Hund, ohne Hund. Die meisten stecken in Regenjacken, halten Dokumente in Klarsichtfolien in den...

    Donnerstagvormittag. Berlin. Regen. Alle paar Minuten treten Menschen aus dem Jobcenter in Pfützen: Männer, Frauen, alt, jung, mit Kind, ohne Kind, mit Hund, ohne Hund. Die meisten stecken in Regenjacken, halten Dokumente in Klarsichtfolien in den Händen. All diese Menschen leben mit Hartz IV.

    "Das kotzt mich an", sagt Thorsten*, 49, der seit einem Monat Hartz IV bekommt, weil das Geld, was er in der Sicherheitsfirma verdient, sonst nicht zum Leben reicht. Er nimmt sich ein paar Minuten Zeit für uns. Viele andere haben "kein Interesse" oder "andere Probleme". Sie kennen Sendungen wie Hartz und herzlich und Armes Deutschland, schon die Worte "RTL II" verärgern sie, und wir sind schließlich auch von den Medien. Sie wissen, was über sie erzählt wird, welche Klischees in den Köpfen einiger Leute stecken: Als Hartz-IV-Empfänger bist du das Gesocks ohne Job, faul, mit Stopfmaschine auf dem Wohnzimmertisch, am Körper tätowiert, schlechte Zähne, Kippe im Mund, Cola im Kühlschrank.

    Alle Interviewten wollen anonym bleiben, manche nicht mal ihren Vornamen nennen.

    Elisabeth, 29, ist mit ihrem 5-jährigen Sohn beim Jobcenter, hat einen Hochschulabschluss und bekommt seit zwei Monaten Hartz IV "Nein, es ist nicht das Beste für eine Frau, ein Kind auf dem Arm zu haben. Ein unbefristeter Job, Gesundheit und Unabhängigkeit sind in erster Linie besser", hat ein Twitter-User zu 'Hartz und herzlich' kommentiert

    "Das sind Klischees, die die Bevölkerung spalten. Wer solche Twitterkommentare schreibt und selbst in Lohn und Brot steht, kann auch ganz schnell abrutschen und im Jobcenter stehen, um Hartz IV zu beantragen. Die meisten in Deutschland sind ja abhängig beschäftigt. Wie schnell kann mal eine Firma Pleite gehen? Oder es gibt nur befristete Verträge! Ich selbst hab einen Hochschulabschluss und bin auf der Suche. Man spricht immer vom Fachkräftemangel. Aber ich habe fast hundert Bewerbungen geschrieben und noch keinen Job. Gerade mal zehn Prozent meiner Bewerbungen haben zu Jobinterviews geführt. Von irgendwas muss ich gerade leben. Was kommt für Sie zuerst: Leben oder Arbeiten?"

    Auch auf VICE: Obdachlose erzählen, wie sie den Winter überstehen

    Jens, 38, bekommt seit eineinhalb Jahren Hartz IV. Damit gilt er laut Jobcenter als langzeitarbeitslos "Intelligente Menschen hätten sich einen Job in einem Imbiss gesucht, um zu lernen und zu schauen, ob der Job einem liegt. Zusätzlich wäre Geld in die Haushaltskasse gekommen. Intelligente Menschen machen aber auch nicht bei 'Armes Deutschland' mit!", hat jemand auf Twitter geschrieben

    "Die Leute auf Twitter gehen davon aus, dass man mit Hartz IV spontan zum Krösus wird. In Wirklichkeit muss man am Ende des Monats jeden Cent umdrehen. Wenn es so aussieht, als würde die Hygiene nachlassen, liegt das daran, dass man sich nur noch eine gewisse Anzahl an Kleidungsstücken kaufen kann.

    An manchen Tagen fühle ich mich tatsächlich richtig faul. Immer dann, wenn die ganzen Bewerbungsunterlagen zurückkommen. Dann bin ich total kaputt, weil ich mit meinem halb abgeschlossenen Studium überall abgelehnt werde. Selbst bei Stellen wie dem Telefondienst. Einmal wurde mir gesagt, ich hätte nicht sagen sollen, ich sei eine Nachteule. Dabei wollte ich nur klarmachen, dass ich auch nachts arbeiten kann.

    Ich habe 2007 angefangen zu studieren. Ich steckte im Magister für Nordamerikawissenschaften und vergleichende Literaturwissenschaften, als das System auf Bachelor und Master umgestellt wurde. Das hat mir das Studium erschwert. Mein höchster Bildungsabschluss ist jetzt das Abitur."

    Thorsten*, 49, ist Sicherheitsmitarbeiter und bezieht seit einem Monat Hartz IV "Wenn das Gesocks nur halb so viel Energie in produktive Tätigkeiten investieren würde", heißt es zu 'Hartz und herzlich' auf Twitter

    "Das kotzt mich an. Leute, die sowas auf Twitter schreiben, gehen davon aus, dass alle Hartz-IV-Empfänger gleich sind. Dabei werden manche Leute auch in Hartz IV gedrängt, obwohl sie das nicht wollen. Für eine alleinlebende Mutter oder einen alleinlebenden Vater ist der bürokratische Aufwand hier sehr stressig. Man muss alle zwei, drei Monate so viele Anträge stellen. Manche schaffen das nicht. Da ist es auch kein Wunder, dass sie vorläufig in Hartz IV feststecken.

    Wir brauchen einfach ein stabiles Grundeinkommen, damit die Leute nicht mehr zum Jobcenter gehen müssen. Denn ich finde nach wie vor: Auch das Jobcenter muss Geld verdienen, und das verdienen die über die Hartz-IV-Empfänger. Deswegen lassen die dich da nicht so einfach wieder raus."

    Frederike*, 44, Kauffrau für Tourismus und Freizeit, macht gerade eine Umschulung und bezieht Hartz IVEin User schreibt: "Simone ist der typische Hartzler, dem man hundertmal was erklären kann, der aber niemals nichts kapiert. #hartzundherzlich"

    "Man darf die ganzen Leute nicht ausblenden, die Hartz IV kriegen, obwohl sie arbeiten. Die bekommen einen zu geringen Lohn und müssen mit Hartz IV aufstocken. Oder sie machen gerade eine Ausbildung oder eine Umschulung, so wie ich, und sind auf Hartz IV angewiesen, weil sie sonst gar nicht von ihrer Arbeit leben könnten. Hartz IV wird immer so pauschal gesehen, dabei gibt es unter den Empfängern so viele Leute, die echt ackern."

    Matthias*, 37, Freiberufler, war schon "ganz oben" und ist gerade "ganz unten""Und Schatz, was hast du heute gemacht? – War in der Warteschlange … Nicht wegen Arbeiter, aber Hauptsache Warteschlange." Dafür gibt es 19 Likes

    "Meine Familie hat sehr viel Geld gehabt, wir waren 'oben'. Als ich 18 Jahre alt wurde, haben wir alles verloren. Jetzt bin ich Teil der Unterschicht. Ich kenne die Vorurteile in beide Richtungen. Ich habe kein Abitur gemacht, mich hat niemand gefördert, denn ich wollte nicht jeden Tag nur auswendig lernen. Stattdessen habe ich von Minijobs gelebt, bei allen möglichen Zeitarbeitsfirmen gearbeitet.

    Seit elf Jahren bin ich freiberuflicher Veranstaltungstechniker und werde aufgestockt. Als Selbstständiger bekomme ich 12 Euro die Stunde. In meinem Beruf wird man ausgebeutet: Wenig Geld, dafür immer auf Abruf, wie ein Söldner. Ich hatte schon 36-Stunden-Schichten, habe ein kaputtes Knie. Eigentlich darf ich nicht schwer tragen, mache es aber.

    Die fehlende Wertschätzung für Arbeit ist in Deutschland das Hauptproblem. Man sagt immer, hier haben alle die gleichen Chancen und jeder ist selbst schuld an seiner Situation. Hat er sich halt nicht genug angestrengt. Aber im Grunde ist es doch ganz anders, es kommt darauf an, welchen Job du machst: Wenn ich Architekt bin, habe ich ein gewisses Ansehen. Das haben die meisten anderen Jobs nicht. Und wenn man Hartz IV bekommt, ist man gleich Sozialschmarotzer. Die Leute werden in Deutschland immer gegeneinander ausgespielt, das Bild vom Hartz-IV-Schmarotzer hat sich über die Jahre entwickelt und in die Köpfe eingebrannt. Wenn diese Sendungen 1,5 Millionen Menschen schauen, ist das Brainwash. Den Leuten sollte man lieber bessere Ideen für die Zukunft ohne Hartz IV zeigen."

    Nadja, 31, Lehrerin, hat gerade ihr zweites Staatsexamen abgeschlossen und muss sich über die Sommerferien arbeitslos melden

    "Ich finde es unmenschlich zu sagen, dass man sich bestimmte Sachen nicht leisten darf oder sollte, bloß weil man Hartz IV oder andere Bezüge empfängt. Das sind menschliche Bedürfnisse. Gelnägel oder die 'teure Fertigsoße'. Das sind für mich Stereotypen. Es gibt auch Hartz-IV-Empfänger, die sich durchaus bewusst ernähren. Jeder, der nicht gleich eine Ausbildung bekommt oder ins Arbeitsverhältnis startet, rutscht in Hartz IV, weil die ja noch gar keine Einzahlungen gemacht haben. Für mich ist das völliger Quatsch."

    Folge Maria auf Twitter und VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

    So feierten die Menschen in Österreich Straches Rücktritt

    So feierten die Menschen in Österreich Straches Rücktritt


    Was gefühlt tausend "Einzelfälle" nicht schaffen, das schafft ein heimlich gefilmtes Gespräch innerhalb von ein paar Stunden: Ein Video aus dem Jahr 2017 zwingt Österreichs Vizekanzler und FPÖ-Parteiobmann Heinz-Christian Strache am Samstag zum...

    Was gefühlt tausend "Einzelfälle" nicht schaffen, das schafft ein heimlich gefilmtes Gespräch innerhalb von ein paar Stunden: Ein Video aus dem Jahr 2017 zwingt Österreichs Vizekanzler und FPÖ-Parteiobmann Heinz-Christian Strache am Samstag zum Rücktritt. Die Aufnahmen zeigen Strache im Gespräch mit einer falschen Multimillionärin, mit der er verdeckte Parteispenden, eine Übernahme der Kronen-Zeitung und lukrative Staatsaufträge bespricht. Bei seinem Presse-Statement gegen Mittag wirkt der sonst selbstbewusste Vizekanzler, der sich mit rechtsextremen Identitären trifft und dessen Parteikollegen antisemitische, rassistische "Rattengedichte" veröffentlichen, als würde es ihm nur leid tun, dass er bei seinen "Macho"-Prahlereien erwischt wurde.

    Den ganzen Samstag über postieren sich bis zu 5.000 Menschen vor dem Vizekanzleramt in Wien, eine riesige spontane Demonstration oder auch Party entsteht unter der Maisonne. Begleitet von wummernder Musik und Dosenbier fordern die Menschen in Sprechchören Neuwahlen und die Auflösung der Regierung.

    Gegen 20 Uhr bekommt die Masse endlich, wonach sie verlangt: Bundeskanzler Sebastian Kurz erzählt minutenlang von seiner langen Leidensgeschichte mit der FPÖ. Dann verkündet er, worauf so viele gewartet haben: Neuwahlen. Die Menge jubelt.

    VICE war vor Ort am Ballhausplatz und hat nachgefragt, wie die Menschen dort die Regierungskrise erlebt haben:

    Jascha, 23

    "Ich bin hier, um gegen die Regierung zu demonstrieren. Unser Vize-Kanzler hatte immer schon Verbindungen zur Neonazi Szene. Dazu kommen die häufigen 'Einzelfälle'.

    Die FPÖ stiehlt von der Bevölkerung, wie man im Ibiza-Video sehen kann.

    Die Verantwortung liegt jetzt bei der ÖVP. Man kann mit der FPÖ nicht regieren. Das sind Nazis und Diebe. Meiner Meinung nach sollte es auch Neuwahlen geben, das wäre aber wie ein Fiebertraum."

    Sara, 21

    "Ich bin hier, weil ich politisch aktiv bin. Außerdem studiere ich Politikwissenschaften an der Universität Wien. Mein Vater kommt aus dem Iran, daher habe ich auch einen Einblick in andere Rechtssysteme.

    Das mag vielleicht gemein klingen, aber ich finde es schön, dass Schwung da ist, jetzt wo Strache abgedankt hat. Seine Art und Weise zu regieren, hat nicht gepasst und viele diskriminiert. Nicht nur Muslime, viele Andersartige sind davon betroffen.

    Die FPÖ finde ich sehr korrupt und rassistisch. Sie ist feindlich gegenüber Menschen, die nicht in ihr Konzept passen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Politiker endlich sehen, dass Österreich ein extrem vielfältiges Land ist. Auf alle Minderheiten sollte mehr Acht gegeben werden."

    Auch auf VICE: 10 Fragen an Elyas M'Barek

    Stephan, 59

    "Ich bin zu Besuch aus Kanada hier. Eigentlich wollten wir nur spazieren. Da ich selbst schon lange Aktivist bin, musste ich einfach selbst sehen, was hier los ist. Mir gefällt der Aufstand der Bevölkerung. In Kanada wissen wir nur wenig über die politische Lage in Österreich. Die rechten Parteien sind sehr spaltend und rassistisch. Eine Partei, die gegen andere hetzt, ist keine Partei. Das ist einfach nicht richtig."

    Kati, 27

    "Die vielen Einzelfälle der FPÖ waren genug. Doch dass Strache zurücktritt, habe ich mir bis heute nicht vorstellen können. Durch die ganzen Donnerstagsdemos und weil viele mit der politischen Landschaft in Österreich nicht zufrieden sind, kann ich mir Neuwahlen oder einen Aufstand gegen die Regierung vorstellen.

    Es ist cool, dass so viele Leute da sind, die Stimmung ist gut. Vom Kind bis zum hohen Alter, aus allen Bevölkerungsschichten sind Menschen hier, die feiern, was heute passiert ist."

    Maki*, 29

    "Seit heute morgen habe ich die Ibiza-Causa zuhause auf dem Fernseher verfolgt. Da bis zur Pressekonferenz von Bundeskanzler Kurz noch ewig hin ist, bin ich hierher gekommen um mit meinem Grinsen nicht alleine zu sein. Dieses absurd lustige Video hat mir gestern die ganze Nacht und den heutigen Tag erheitert.

    Eine andere Lösung als der Rücktritt wäre vollkommen inakzeptabel. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass sich im Prinzip nichts ändern wird. Die FPÖ wird jetzt ein wenig verlieren, aber die kommen wieder. Die ÖVP wird sich auch nicht ändern. Österreich hat ein Problem mit der Erinnerungs- und Gedächtnispolitik, ich glaube das ist sehr schnell wieder vergessen.

    Das schlimmste für mich ist, dass mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung bereit ist, diese Parteien zu wählen. Aber für einen schönen Nachmittag hat es auf jeden Fall gereicht."

    Jennifer, 21, und Rachel, 21

    Jennifer: Ich komme aus Irland und habe von der derzeitigen Politik in Österreich gehört. Wir studieren beide Rechtswissenschaften. Meine Freundin Rachel hat gestern einen Artikel über die Ibiza-Causa gelesen. Mich interessiert der Unterschied zwischen dem Aktivismus in Irland und Österreich. Ich wollte die Demonstration sehen. Wir haben gelernt, dass Wien historisch eher linkspolitisch ausgerichtet war. Das konnte man heute definitiv sehen.

    Rachel: Alles ist so plötzlich passiert. Ich kenne mich mit der politischen Situation in Österreich wenig aus, aber ich weiß dass sie eher rechts ist.

    Karim, 26

    "Gestern um diese Zeit war ich noch mit meinen Freunden unterwegs, dann habe ich dieses Video gesehen und heute bin ich hier. Das ging alles ziemlich schnell. Ich finde es sehr spannend, spannender als eine Folge House of Cards.

    Was wir gestern gesehen haben, hat mich schockiert, aber nicht überrascht. Jetzt muss man hier herkommen, man kann nicht nur zusehen. Es muss eine Veränderung in der Politik her. Es ist surreal, dass ein Vizekanzler so abtreten muss. Das muss ich noch realisieren.

    Seit ich 15 Jahre alt bin, engagiere ich mich politisch. Meine Eltern kommen aus Ägypten, ich wurde in Österreich geboren. Die FPÖ war für mich immer schon eine rassistische Partei. Für die Zukunft wünsche ich mir wie alle anderen Neuwahlen und eine politische Kraft, die uns nach vorne bringt. Es ist wichtig, dass die Menschen hier zusammenkommen, um für die Gerechtigkeit zu kämpfen."

    *Namen von der Redaktion geändert

    Folge Naomi bei Twitter und VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

    Ich habe meinen Penis mit Schockwellen behandeln lassen, um bessere Erektionen zu kriegen

    Ich habe meinen Penis mit Schockwellen behandeln lassen, um bessere Erektionen zu kriegen


    Natalia fordert mich auf, mich untenrum freizumachen. Sie ist ziemlich attraktiv und trägt einen weißen Laborkittel. Um meine Genitalien zu bedecken, bekomme ich ein medizinisches Tuch. Das wird einen Augenblick später aber schon wieder entfernt,...

    Natalia fordert mich auf, mich untenrum freizumachen. Sie ist ziemlich attraktiv und trägt einen weißen Laborkittel. Um meine Genitalien zu bedecken, bekomme ich ein medizinisches Tuch. Das wird einen Augenblick später aber schon wieder entfernt, damit Natalia, die Hände in Latexhandschuhen, ausgiebig Baby-Öl über meinem Penis und meine Hoden verteilen kann.

    "Wird es wehtun?", frage ich.

    "Hier, ich zeige es dir", sagt sie. Das Gerät sieht aus wie eine Strahlenkanone aus einem zweitklassigen Science-Fiction-Film aus den 50ern. Sie hält es mir mit der Spitze an meinen Unterarm. Es fühlt sich ein bisschen an wie ein Vibrator auf höchster Stufe.

    "Nicht so schlimm, oder?", sagt sie.

    "Nein", sage ich, und komme etwas ins Stocken, weil mir klar wird, dass es das Gegenteil von schlimm sein wird.

    "Gut, dann fangen wir mal an." Mit einer Hand umfasst sie meine eingeölten Hoden, mit der anderen nähert sie sich mit der Strahlenkanone meinem Penis.

    Das liest sich jetzt vielleicht wie die Einstiegsszene eines Pornos, es ist aber Teil einer relativ neuen Therapie gegen Erektionsstörungen, die offensichtlich von überraschend vielen Studien gestützt wird. Das suggeriert zumindest die Website des aktuellen Marktführers GAINSWave.

    Die extrakorporale Stoßwellentherapie, wie die Behandlung offiziell heißt, wird in der Medizin schon seit den 1980ern angewandt, vor allem zur Behandlung von Nierensteinen. Dabei wird ein Gerät von außen auf die Haut angesetzt, das Stoßwellen, grob mit Schallwellen vergleichbar, ausstößt. Es wird auf die entsprechende Stelle gerichtet und der Nierenstein so zerrieben.

    Bei der Stoßwellentherapie zur Behandlung von Erektionsstörungen wird allerdings deutlich weniger Energie genutzt, als beim sogenannten Nierensteinzertrümmerer. Die Therapie soll mikroskopisch kleine Verkalkungen in Blutgefäßen lösen und das Wachstum neuer Blutgefäße anregen. Dieser Effekt, das sollte an dieser Stelle gesagt werden, konnte bislang allerdings nur an Nagern nachgewiesen werden.

    Ich selbst hatte weder von Mikro-Ablagerungen noch von extrakorporaler Stoßwellentherapie gehört, bis mich eine Person im Auftrag eines Anbieters kontaktierte und fragte, ob ich Interesse an einer Behandlung hätte. In der Broschüre stand, dass neben den medizinischen Zwecken auch Männer von der Behandlung profitieren würden, die einfach härtere und bessere Erektionen wollten.

    Auch wenn die Wirksamkeit bei schwächeren Erektionsstörungen recht vielversprechend scheint, hat Urologe Seth Cohen vom Langone Medical Center der New York University ein paar Einwände: "Die Technologie ist ziemlich neu. Deswegen gibt es noch entsprechend wenig Daten." In drei oder vier Jahren, so Cohen, werde man ein besseres Bild von der Effektivität der Behandlung haben.

    Landon Trost, ein Urologe an der Mayo Clinic, ist ebenfalls skeptisch. "Die Datenlage zur Wirksamkeit ist noch etwas lasch", sagt er und weist darauf hin, dass viele der Placebo-kontrollierten Studien erhebliche Mängel aufweisen.

    "Was die Wirksamkeitsstudien angeht, lag der durchschnittliche Anstieg auf dem International Index of Erectile Function (IIEF), dem offiziellen Maßstab der Erektionsfähigkeit, bei nur zwei bis drei Punkten", so Trost. Allein durch Übungen lasse sich der Wert um drei bis fünf Punkte anheben, wohingegen Sildenafil, der Viagra-Wirkstoff, eine Verbesserung um fünf bis neun Punkte schaffe. "Wenn diese Methode also die Erektionsfunktion verbessert, dann nur in einem sehr geringen Maße", so der Urologe.

    Ich sollte erwähnen, dass ich erst nach meiner Behandlung mit Trost und Cohen gesprochen habe, um meine Behandlung nicht zu beeinflussen.

    Die Dame am Empfang des Therapieanbieters schaute sich den Fragebogen an, den ich kurz davor ausgefüllt hatte. "Sie haben also wirklich kleine Beschwerden. Das wir dann wie ein Boost für Sie sein", sagte sie, bevor sie mir ungefragt berichtete, dass ihr 26-jähriger potenzproblemfreier Freund vor Kurzem auch eine Behandlung mitgemacht habe. Das Ergebnis sei "einfach WOW!" gewesen.

    Weniger als "WOW!" möchte man aber auch nicht erwarten. Der Preis für eine Sitzung beginnt hier in Brooklyn bei etwa 500 US-Dollar. Für ein optimales Ergebnis empfiehlt GAINSWave sechs Sitzungen.

    VICE-Video: Ich habe mir von einem Schönheitschirurgen mit miesen Reviews Botox spritzen lassen

    Kurz bevor sich das Gerät meiner empfindlichsten Körperregion nähert, fragt mich Natalia, ob ich irgendwelche Prostataprobleme habe. Die Behandlung könne da problematisch sein. Mehr sagt sie nicht. Urologe Trost erklärt mir später, dass Männer mit Prostatasteinen durch die Behandlung Dammschmerzen und Entzündungen bekommen könnten.

    Ich gebe Natalia mein OK. Ich solle meine Füße entlang der Sohlen zusammenlegen, "wie ein Fröschchen". Kein Problem. Anschließend geht sie meinen Penis der Länge nach mit der Strahlenpistole ab, über den Damm und die Bereiche um die Peniswurzel. Das würde die Blutzufuhr in dem ganzen Bereich verbessern, sagt sie. Und tatsächlich, nach etwa zwei Minuten beginnt vermehrt Blut in diese Körperregion zu fließen, was mir ziemlich peinlich ist.

    "Das tut mir leid", sage ich, während Natalia mit dem Gerät weiter zwischen meinen Beinen herumfährt, meinen dreiviertelerigierten Penis mal hier, mal dort positioniert.

    "Keine Sorge", antwortet sie. "Das passiert ziemlich oft."

    Smalltalk fällt mir zunehmend schwer, also lehne ich mich zurück und schließe die Augen. Zwei Sessions à 15 Minuten und eine Pause später: "Voila!", sagt Natalia fröhlich und reicht mir Papiertücher, um das Öl abzuwischen. "Fertig."

    Wann ich mit Veränderungen rechnen könne? Natalia erklärt, dass manche das Ergebnis der Behandlung sofort spürten, andere erst ein paar Tage oder sogar erst Wochen später.

    Es ist normal für Männer, vier oder fünf Erektionen im Schlaf zu bekommen. In der ersten Nacht nach der Behandlung sind meine Ständer allerdings so extrem, dass ich davon aufwache. Auch die Morgenlatte ist beachtlich. Generell erlebe ich in den Wochen nach der Handlung Erektionen wie seit meiner frühen Collegezeit nicht mehr.

    Sechs Wochen nach der Stoßwellentherapie scheint allerdings alles wieder beim Alten zu sein. Das ist dann doch etwas kürzer als die "medizinisch erwiesenen" zwei bis drei Jahre, die der Anbieter auf seiner Website angibt.

    Ich glaube, bei mir hat der Placebo-Effekt eine große Rolle gespielt. Denn das war keine Therapie – das war wie die Erfüllung eines feuchten Traums aus meiner Teenagerzeit.

    Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.

    Auch eine beschissene Handykamera kann die Absurdität des Alltags einfangen

    Auch eine beschissene Handykamera kann die Absurdität des Alltags einfangen


    Jerry Hsu ist für fleißige VICE-Leser kein Unbekannter. Die Bilder des Profi-Skateboarders und Fotografen sind schon mehrfach auf unserer Homepage und in unserem Magazin erschienen. In seinen Arbeiten fängt Hsu die Absurdität unseres Alltags ein,...

    Jerry Hsu ist für fleißige VICE-Leser kein Unbekannter. Die Bilder des Profi-Skateboarders und Fotografen sind schon mehrfach auf unserer Homepage und in unserem Magazin erschienen. In seinen Arbeiten fängt Hsu die Absurdität unseres Alltags ein, etwa eine Hose der Marke "Daddy'$ Money", ein riesiges Plakat, das die Worte "SYPHILIS EXPLOSION" vor einem ausbrechenden Vulkan zeigt, oder einen Mann, der in Jeans mit Loch am Hintern seine Medikamente abholt.

    Jetzt veröffentlicht Hsu sein zweites Fotobuch mit dem Titel The Beautiful Flower Is the World. Die darin zu sehenden Bilder wurden in den vergangenen zwölf Jahren geschossen. Und zwar ausschließlich mit verschiedenen BlackBerry-Handys.

    Der Titel des Buches stammt übrigens vom englischen Schriftzug eines chinesischen T-Shirts, der wohl mehr schlecht als recht durch den Übersetzungs-Fleischwolf gedreht wurde. Jerry Hsu hat das perfekte Gespür dafür, diese kleinen Unfälle zu erkennen, festzuhalten und mit uns zu teilen. Wir haben ein Best-of der Fotos aus The Beautiful Flower Is the World zusammengestellt.

    Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.